5. Die Tiefkühltruhe

Gegessen worden ist immer schon. Anno nazimal gab‘s Essen nur auf Karte. Da hat man aber nicht gierig Punkte gesammelt und ist dafür quasi informationstechnisch ausgezogen worden, sondern man hat für soundso viele Punkte Essen bekommen. Oder Gewand. Oder nix. Wenn nämlich nix mehr da war. Gefühlte 1000 Jahre später hat man sich deppert gefressen. Weil endlich wieder alles da war. Im Überfluss. Und aus Angst wieder hungern zu müssen, hat man die Dinge haltbar gemacht und aufbewahrt. Und so ist der Motz-Onkel mit der Resitant im Gepäck nach Ungarn gefahren, ins Land der Schweinehälften und der 100kg Zuckersäcke und hat gehamstert was in den Fond vom wackligen VW Käfer hineingepasst hat. Die Grammln, die der Motz-Onkel dem armen Schwein später abgepresst hat und das feine Bratlfett haben sie sich dann aufs frischduftende heimische Bäckerbrot geschmiert. Das Schmalz, mit dem man alles gemacht hat, war sowieso oberfein und Cholesterinwerte waren ja noch nicht erfunden. Alles, was man nicht gleich essen konnte oder einmachen, einkochen oder sonst wie haltbar machen, hat den Weg gefunden in den eisigen Himmel, den Stolz der Hausfrau, dessen gigantisches Ausmaß und blattlvoller Inhalt gerne dem interessierten Besucher präsentiert worden ist,

Die Tiefkühltruhe.

Eigentlich hat sie ja Gfriatruchn geheißen. Aber das versteht heute keiner mehr, in einer Welt, wo alles geil und lecker statt leiwand und köstlich ist. Auf jeden Fall hatte die Tiefkühltruhe immer Saison. Sie war eingebaut in den Nahrungskreislauf und Teil der Nahrungskette. In der großen Stadt hatte sie Familienanschluss, war beinahe ein Familienmitglied. In der Nähkammer von der Großmutter, die ihr gleich ein ansehnliches Spitzendeckerl verpasst und einen gigantischen Blumenstock draufgestellt hat, ist sie gestanden. Wenn man an den Inhalt ranwollte, hat man also erst einmal abräumen müssen und sich währenddessen kräftigst alteriert, was da alles für ein Glumpert draufsteht und warum zum Teufel man so viele Blumenstöckerl und Spitzendeckerl herumstehen und -liegen haben muss. Da hat man leicht einen handfesten Streit vom Zaun brechen können, um eventuell verschobene Machtstrukturen wieder geradezurücken. Und so ist der ganze Belag auf ein danebenstehendes Schammerl gewandert, um den begehrten Inhalt zugänglich zu machen. Jetzt muss man sich zuerst einmal einiger Naturgesetze und Gebote vergegenwärtigen: Was auch immer man aus der Truhe holen wollte, es war immer zuerst unauffindbar und dann ganz hinten ganz unten, sodass die kleine Großmutter beinahe hineinköpfeln hat müssen, um an die Gefrierleichen zu kommen. Auch was man schon vorbereitend ganz obenauf gelegt hat, beim nächsten Öffnen war es ganz hinten ganz unten. Ein wichtiges Gebot war „Du sollst den Pickerln nicht vertrauen.“ Die Tupperplastikgschirrln waren entweder nackig, weil sich das Pickerl bei der Wühlaktion in die Tiefe verabschiedet hat, oder abgeschunden von der letzten Handwäsche, Geschirrspüler waren noch ein sagenumwobener Mythos, oder es sind mehrere draufgepickt, weil sich niemand die Mühe gemacht hat, das alte Pickerl runterzukletzeln. So war auch der Inhalt ein Mythos, aber dem Großvater ist es nicht aufgefallen, ob er Kohlrabi oder Fisolen gegessen hat, denn die Großmutter hat das Gemüse sowieso bis zur Unkenntlichkeit und Geschmacksbefreiung eingebrannt, damit es ordentlich ausgibt. Beziehungsweise, weil er alles grundsätzlich hinter einer großmächtig aufgefalteten Zeitung lesend verzehrt hat.
Im burgenländischen Weinbauernkaff war das ein bisserl anders. Da ist die Truchn im Parterre des Hauses in einem Vorratskammerl gestanden, flankiert vom 100kg Zuckersack, einigen Mehlsackerln und dem Sautrog, in den alle Küchenreste gekommen sind, der dann prinzipiell schwappend voll zum Nachbarn getragen worden ist, der alles seinen Schweinderln verfüttert hat, die dann, in Form von köstlich durchsichtigem Sulz mit feinen Fleischeinlagen, garniert mit Zwiebelringerln im scharfen Essigsud wieder auf den Tellern gelandet sind. Stücke von veritabler Größe sind umgehend in der Tiefkühltruhe gelandet. Die Wühlerei war ähnlich, ebenso die Inhalte. Nur dass die Weinbauerngroßmutter die eigenen Gartenfrüchte gebunkert hat, außer dem nachbarlichen Umwandlungsschwein. Früchte sind auch eingefroren worden, und so hat es im Winter nur gegeben, was entweder die Truhe oder der Großvater gnädig rausgerückt hat, der von seinen Lageräpfeln nur nach beinharten Verhandlungen und Apfelknödelversprechungen die eine oder andere wertvolle Obstgeisel ziehen hat lassen. Andere fruchtige Verirrungen hat es noch nicht gegeben, maximal Bananen als Gipfel der Exotik. Die Frier-Erdbeeren hat die Großmutter in der Stadt auf den Witte Vaillant Nachtspeicherofen gelegt, und wenn man Glück hatte, und der Ofen noch ein bisserl Wärme, hat man sie später mit einem Vierterl Rahm abgegatscht, ordentlich verzuckert und genossen wie das Manna vom Himmel. Denn diese Köstlichkeit ist nur zu seltenen Anlässen serviert worden, zu schmal war der Vorrat und zu lang der Winter. Das Highlight, erstaunlicherweise sowohl in der ländlichen als auch in der städtischen Gfrier, war ein Ziegelstein. Ein dreifärbig gestreifter, vanillegelber, erdbeerrosa und schokobrauner Hochgenuss, wenn man nicht streitert worden ist, wer welche Sorte isst. Meist hat die Großmutter durch die Finger geschaut. Wie im richtigen Leben halt. Manchmal hat sie Glück gehabt und ein Resterl Erdbeer derrent. Weil Erdbeer ist übergeblieben. Immer. Dafür war das Schokodrittel als erstes weg. Immer. Noch so ein Naturgesetz. Im Gegensatz zu allem anderen versunkenen Gefriergut war der Eisziegel oben. Immer. Gesetz. Ditto.

Der Ziegel ist heute abgerundet und kommt im Plastik statt im Papier daher. Und liegt im mondänen Tiefkühlfacherl des Designerkühlschranks. Weil die Tiefkühltruhen verschwunden sind. Genauso wie der Sautrog und die Schweinehälften und das hausgemachte köstlich wabbelnde Sulz. Dafür gibt es jetzt Obst zu jeder Jahreszeit. So wie es jetzt überhaupt alles immer gibt. Damit man gar nicht auf die Idee kommt, sich zu freuen auf frische Erdbeeren im Juni oder die abgegatschten Rahmerdbeeren im Winter. Die nur mit kaltem Erdbeerkern schmecken, wenn der alte Nachtspeicherofen das Auftauen wieder einmal nicht derblasen hat. Ein Auslaufmodell, wie die Lageräpfel vom Großvater, und der Großvater selbst. Und seine Ideologien. Nicht die schokobraunen, sondern die voll Hoffnung in eine Zukunft so frisch und saftig wie Erdbeeren im Juni.

[CC]

eis

 

Zimmer, Kuchl, Kabinett

One thought on “5. Die Tiefkühltruhe

  1. Herrlich, ich staune immer wieder, wie detail- und wortreich die damalige Zeit beschrieben wird. Ausdrücke, die nicht mehr im heutigen aktiven Wortschatz zu finden sind, tauchen auf und lösen ein Feuerwerk bzw. eine Kettenreaktion an Erinnerungen und Emotionen aus. Eine Freude zu lesen und einzutauchen in die Vergangenheit, Jugend, Kindheit … . Vielleicht sollte man einen Beipacktext mit einem Warnhinweis verfassen: “Achtung, kann Ihre Stimmung nachhaltig verbessern und die Aufmerksamkeit (die derzeit ja auf Corona fokussiert ist) ablenken.”

    Dank an das Autorenteam!

    Tom

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