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Zimmer, Kuchl, Kabinett

Krisen werden durch die Zeit definiert, in der sie stattfinden. Oder in der Zeit, in der sie stattfinden. Für die Großmutter war das der Russ, der vor der Tür steht. Für die Weinbauern Großeltern im hinterletzten burgenländischen Kaff waren das die Krawoden, die einbrechen und stehlen kommen. Für die Resi-Tant war das die Entdeckung des von ihr erbgeschlichenen Überbringersparbüchls. Für den Walter-Onkel war das, mal wieder einzufahren und für die nächsten Monate Kost und Logis auf Staatskosten zu bekommen. Und für mich war das der damals drohende Krieg, der nach dem kalten kommt, diesmal der finale.

7. Die Fleischeslust

Lust hat man immer schon gehabt. Lust aufs Fleisch. Da gabs das rosa Fleisch von den rosa grunzenden Schweindln, das rote Fleisch von den stoischen Widerkäuern und das weiße Fleisch von den herumpickenden Henderln. Das alles hat man essen können. Verhalten hat es sich mit dem Essen wie mit der Lust, man wollte immer, konnte aber nicht, weil sich das störrische Hendl partout nicht hat fangen und rupfen lassen wollen. Oder die blöde Kuh alles weggetreten hat, was an ihre Zitzen dranwollte. Oder das Nutsch zwar ein Fadl war, aber leider nur im Schweinekobel.

2. Das Bravo

Aus den Kindern der 70er wurden die Jugendlichen der 80er. Kulinarisch galt man als verwegen, wenn man einen Toast Hawaii oder die styroporartigen Hummerchips verzehrte. Modetechnisch waren wir restlos revolutionär, wenn wir im streng katholischen Mädchengymnasium die Pullover mit dem Ausschnitt nach hinten getragen haben, und unser versnobtes Privatschulimage haben wir gepflegt, indem wir Verehrern mit Namen wie Basil und Armand vor den Günthers und Edis den Vorzug gegeben haben. Musikalisch wurden Die Ärzte unter der Schulbank als heiße Ware gehandelt.

1. Die Kanzlei

Angesichts solcher sommerlich-deprimierender Ferienverbringungsaussichten, beschloss meine Mutter für mich, ich sei mit 16 endlich so weit, einer anständigen, diesmal bezahlten Sommerarbeit nachzugehen. Und so kam ich an ihre Arbeitsstätte, das damalige Landwirtschaftsministerium, und zwar in die Schnittstelle, den Nabel, den Ort des Zusammenlaufens allen Tuns und Handelns,  die Kanzlei. So eine Kanzlei ist eine kleine Welt für sich.

Nostalgie

Nostalgie bedeutet „Heim-weh“, die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich zuhause gefühlt hat. Auch die Vergangenheit, wie L.P. Hartley treffend bemerkte, ist ein Ort: ein fremdes Land, wo Dinge anders gemacht wurden. Für viele, hört man von allen Seiten, ist inzwischen die Gegenwart, die ja die Zukunft – Hamlets „unentdecktes Land“ – von damals ist, zur Fremde geworden.