7. Die Fleischeslust

Lust hat man immer schon gehabt. Lust aufs Fleisch. Da gabs das rosa Fleisch von den rosa grunzenden Schweindln, das rote Fleisch von den stoischen Widerkäuern und das weiße Fleisch von den herumpickenden Henderln. Das alles hat man essen können. Verhalten hat es sich mit dem Essen wie mit der Lust, man wollte immer, konnte aber nicht, weil sich das störrische Hendl partout nicht hat fangen und rupfen lassen wollen. Oder die blöde Kuh alles weggetreten hat, was an ihre Zitzen dranwollte. Oder das Nutsch zwar ein Fadl war, aber leider nur im Schweinekobel. Nur dass wir hier eh d’accord sind, wir sprechen immer noch vom Essen. Dann hats noch das Fleisch gegeben, das man über Umwege trinken hat können, denn je fleischiger die Trauben, desto hektoliterfreudiger ist der schäumende Saft in die alten runden Holzfässer im Weinkeller geronnen, dass es eine Lust war. Lustvoll hat auch der Weinbauern-Großvater am Weinheber angesaugt, rein geschäftsmäßig sozusagen, wenn er verkosten hat lassen und den Finger oben fest draufgehalten hat, damit unten nur rauskommt, was raus soll. Ja, es war eine reine Freude mit der Lust und dem Fleisch, nur am Freitag nicht, denn da war traditionell Fasttag, da hat’s Sterz mit erntefrischen geschmalzenen Gartenfisolen gegeben, oder in der süßen Version Sterz mit Milch. Und da man den Sterz mit reichlich Öl aufgegossen hat, ist man dann längere Zeit ziemlich unlustig am Häusl gehockt. Am verbreitetsten aber war die Verbindung beider Gelüste, die des Fleisches und die nach dem Fleisch zur allgemein beliebten

Fleischeslust.

Fleisch tut man gewöhnlich schneiden. Man kann sich aber auch ins Fleisch schneiden, nämlich ins eigene. Das geschieht meist, wenn man ans Fleisch heranwill, aber nicht an die Hendlbrüsterl, die panier-willig vor dem Motz-Onkel gelegen sind, sondern an die Doppel-F von der Resi-Tant. Die Behältnisse, in denen sie untertags aufbewahrt worden sind, waren vom Volumen her gigantisch. Fast so groß wie zwei ganze Hendln. Und denen hätte der Motz-Onkel ja gerne den Vorzug gegeben vor den überschaubaren Panierbrüstln. Und obwohl er in gerade der richtigen Höhe gewesen wäre, der Motz-Onkel hat nämlich genau dort aufgehört, wo die Spitzenbehältnisse von der Resi-Tant angefangen haben, ist diese Küche kalt geblieben. Bei der Weinbauerngroßmutter war das anders. Die hatte nämlich Lust aufs Heiraten. Eine lange glückliche Ehe sollte auf einem festen, verlässlichen Fundament gebaut sein. Da hat es sich gut geschickt, dass der ein bisserl hoppertatschige Josef nicht nur eine Schwäche gehabt hat für die Elisabeth, sondern mit einem ansehnlichen Vorrat an Weinreben samt Grund ausgestattet war. Schlussfolgerlicherweise hat sie dann ihm den Vorzug gegeben vor dem feschen Robert, der außer seiner Eigenschaft als Feschak fundamenttechnisch halt nicht viel bieten hat können. Und da die Weinbauerngroßmutter seinerzeit so gar nicht fad gewesen ist, und ein C-Körbchen in der Hand besser ist als ein Doppel-F am Dach, ist man schnell eins geworden. Eine himmlische Vereinigung war das, von Fleisch und Besitz, ganz nach der klassischen Methode, wer wogt, der hat. In der großen Stadt, vor gefühlten 1000 Jahren, hatte die Lust Methode. Der Großvater, den die kruppstahlharte Kriegsfaust gerade hin- und hergebeutelt hat, hat in all den Wirren eine gnadenlose Taktik entwickelt. Und so hat die Großmutter, damals gerade eben Braut, zwar den Großvater in ihrem Bett vorgefunden, nach Spuren von Moral sucht man in solchen Zeiten vergebens, aber ihr Nachthemd hat sie umsonst gesucht. Das hat er ihr nämlich versteckt gehabt, der vorfreudige Bräutigam. Und weil er es gewohnt war, wirklich überall scharf zu schießen, ist die Großmutter nach zwei Fronturlauben mit zwei Pamperletsch dagesessen. Das waren dann die nackten Tatsachen der Versteckerei, die vielleicht umsonst, aber nicht vergeblich gewesen ist. Später dann haben sich die ganzen Gelüste vom Schlafzimmer in die Küche verschoben. Der Motz-Onkel ist an den bescheidenen A-Brüsterln pickengeblieben, während die Doppel-F unter seiner Betreuung auf Triple-F angewachsen sind. Wer hier jetzt an ein befriedigendes Ende denkt, muss leider enttäuscht werden, denn die liebevolle händische Betreuung hat sich auf die Zubereitung 3-teiliger Mahlzeiten beschränkt, was sich, wie gesagt, bombastisch ausgewirkt hat. Im Weinbauernkaff haben schon lange nur mehr die Trauben auf den Reben gewogt, auch hier war nach erfolgreicher Fusion und Sicherstellung der weiteren Erbfolge der Ofen aus. Bezeichnenderweise ist nämlich weder in der trügerischen ländlichen Idylle noch in der Stadt das Kabinett geheizt worden, und so dickfedrig und einladend sich die Daunendecken auch über die Doppelbetten gewölbt haben, darunter hat sich maximal Hitze entwickelt, wenn der Thermophor von der Weinbauerngroßmutter den Weinbauerngroßvater wieder einmal gehörig ausgebremst hat. In der Stadt hat der Großvater, der die alte Metropole verlassen und erst in die neue wieder retour gekommen ist, nach vielen Jahren des Verbergens keine Freude mehr gehabt am Verstecken. Das Kind hatte mittlerweile einen Namen, wie man so schön sagt.

Geblieben ist das Fleisch. Also die armen Schweine, die reingefallen sind auf die in Aussicht gestellten Schweinereien. Und doch nur abgespeist worden sind. Und deren Lust im wogenden Küchendunst bald nicht mehr zu sehen war. Und das einzig Scharfe der ungarische Kirschpfefferoni war, mit dem die Brüsterl verschärft worden sind, also die von den Hendln. Seien wir doch ehrlich, so ist der normale Lauf des Lebens. Zuerst wagt man, dann wogt man, dann gehen sie hoch, die Wogen, bald ist Ebbe und im Ende gehen wir den Weg allen Fleisches.

[CC]

fleischeslust4

Zimmer, Kuchl, Kabinett

One thought on “7. Die Fleischeslust

  1. Mit ganz spitzer Feder geschrieben. Nur einmal lesen reicht hier, mir zumindest, nicht, denn viel ist hier an Hintergründigem und an Andeutungen hineingepackt. Einmal lesen für den Überblick – man will ja schnell die Story erfassen; ein zweites Mal mit Ruhe; und schließlich mindestens ein drittes Mal mit Genuss. Wie bei einem guten Stück Schokolade, man kann es runterschlingen oder genussvoll am Gaumen dahinschmelzen lassen. Um die feinen Nuancen zu erfassen ist Letzteres zu empfehlen.

    Wohltuend auch, dass vom „Schweinernen“ und vom „Hendlfleisch“ geschrieben wird und einer Zeit vor „Beyond Meat“ und „Insektenburger“. Nichts gegen die neuen Lebensmittel, ich möchte nur nicht schief ausgeschaut werden, wenn ich meine Kaffee mit normaler Milch trinke und mir keinen Cappuccino mit Soja latte bestelle.
    So, jetzt habe ich so richtig Lust bekommen, „Fleischeslust“, auf ein richtiges Steak (Rind). Eben Lust auf „Sex des Alters“ – ESSEN.

    Tom

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