„Unser tägliches Brot gib uns heute…“, so haben wir gebetet, in der Kindheit, als die meisten Leute rundherum Christen waren, hauptsächlich römisch-katholisch und man unter „austreten“ maximal die Verrichtung eines gewissen Bedürfnisses verstanden hat. Brot war beinahe heilig und wegschmeißen eine Sünde. So hat man auch, besonders im ländlichen Bereich, also im Haushalt der Weinbauerngroßmutter, das Brot angemessen geehrt. Da hat dann der Weinbauerngroßvater den dicken frischduftenden Laib in seine von der vielen Arbeit gezeichneten Hände genommen, umgedreht und vor dem Anschneiden erst einmal mit dem Messer drei symbolische Kreuze in die knusprig-braune Krume gezeichnet. Dann hat er ihn mit Schmackes auf das alte Holzbrett, das schon ganz abgearbeitet war vom vielen Schneiden, gelegt, dass das Mehl wolkig aufgestaubt ist und mit diesem herrlich raschpelnden Geräusch zuerst die knusprige Kruste durchsägt, dann das weiche Innere geteilt und zum Schluss den reschen Boden durchschnitten. So ein Kunstwerk von außen und eine Köstlichkeit von innen durfte natürlich nicht verkommen. Darauf hat man geschaut. Denn Lebensmittel waren kostbar. Und wenn es doch einmal vorgekommen ist, dann war ein ungeliebter Besucher zu Gast,
Der Schimmel.
Schimmel hat es in verschiedenen Farben gegeben. Die Extrawurst ist blütenweiß geschimmelt, und der Flaum war besonders dicht und pelzig. Marmelade ist eher grün-blau getupft gewesen, mit runden Flauminseln. Auch das Brot ist getupft gewesen, wobei der Blauton vielleicht ein bisserl ins Gräuliche abgedriftet ist. Und der Schinkenspeck hat lila zu schillern begonnen, was zwar gut in die Farbpalette der Zeit, aber schlecht zum empfindlichen Magen der Großmutter gepasst hat. Dem Großvater hat das nichts gemacht, der war ja kriegserprobt, und so hat er die schillernde Wurst einfach hinter seiner weit aufgefalteten Zeitung ohne aufzumucken verzehrt. Da war die Großmutter sowieso grantig, denn egal, was sie zubereitet hat, der Großvater hat alles ohne Kommentar, oder etwa Lob, Gott bewahre, Lob für die Pflicht der Hausfrau, hinter seiner Zeitung und in seinem Saumagen verschwinden lassen. „Irgendwann servier ich ihm Sägespäne“, hat sie zu mir gesagt, während sie ihm die noch blubbernde Eierspeise vor die Lektüre geknallt hat, sodass die weichen Dotter ängstlich hin- und her gezittert haben.
Eier sind übrigens nicht geschimmelt, die hatten quasi ein verderbtes Innenleben, und wenn man so ein schlechtes aufgeschlagen hat, pfui Teufel, da war der Leibhaftige persönlich zu Besuch. Der Brotschimmel selbst hat niemanden weiter gestört. Man hat ihn einfach herausgeschnitten und gut war’s. Und das Brot dann gegessen, als wär nix gewesen. Von irgendeinem Pilz, der den ganzen Laib durchzieht, hat damals noch niemand gehört gehabt, außerdem war Brot teuer und wertvoll, vergelt’s Gott. Es hat auch keine diversen und perversen Körndl und sonstigen Torheiten gegeben, es gab Brot. Einfach Brot. In der burgenländischen Weinbauernmetropole der Großeltern mütterlicherseits, vulgo Kaff, gab es nur Gebinde von „ein Kilo Brot“. Keine weiteren Unterbezeichnungen oder Untermaßeinheiten. Ein Kilo Brot. Das war ein gemeines Mischbrot, aber derart gut und frisch vom dicken, weißbeschürzten Bäcker gebacken, nix Aufbackbrot oder Backmischungen, dass es gut eine Woche gehalten hat, ehe es flaumig zu werden begonnen hat. Soweit ist es sowieso nicht gekommen, bei den dicken Bergbauernschnitten, die der burgenländische Weinbauerngroßvater immer abgeschnitten hat, damit es den G’spritzten im Magen besser auftunkt. KümmelFenchelAnis hat leider irgendwie hineingehört, was manchem Brotverzehrer schlimmer im Magen gelegen ist als der Schimmel. Die eventuellen Reste hat man dann den Nachbarsschweinen in den Trog geschmissen. Die haben sich nie beschwert. Und das später aus ihnen gewonnene Sulz hat immer tadellos geschmeckt.
Eine richtige Schweinerei hat der Motz-Onkel unwissentlich und weil er schon so schlecht gesehen hat, fabriziert. Fürs Panieren hat er, progressiv und jedem Fortschritt aufgeschlossen, wie der Motz-Onkel so war, drei so Plastikdatzerl gehabt. Früher hat man ja einfach drei Lilienporzellanteller verwendet. Dann hat er wie ein Wilder in den zeitgemäßen Plastikdatzerl derart herumgefuhrwerkt, dass ihm die Resi-Tant die Benutzung der Indoorküche strengstens untersagt und ihn in die Sommerkuchl im Garten verbannt hat. Dort hat er dann, zwischen der alten Kredenz und dem alten Holzofen, auf dem man die Temperatur der Speisen nur durch Hin- und Herschieben reguliert hat, auf einem, ebenfalls alten Küchentisch aus den 50er Jahren fröhlich vor sich hinpaniert. Links war das Mehl, in der Mitte die Eimischung, ohne Teufel, rechts die Brösel, meistens aus alten Semmeln selber gerieben, nix Kaufbröseln, da hätte es echte Bröseln mit der Resi-Tant gegeben. Nach dem Panierakt mit den Hendlbrüsterln ist dann das Eidatzerl gewaschen worden, die Mehl- und Bröselreste sind aufgehoben, ineinander gestellt und für die Parasolschwämme, die schon im Wald gewartet haben, in die Kredenz gestellt worden. Von irgendwelchen Fleischresten, die in Mehl und Bröseln zurückbleiben, hat er noch nie gehört, und das nicht nur, weil er schon etwas derrisch gewesen ist, gesehen hat er auch nix, weil er eben schon schlecht gesehen hat. Und so sind ihm weder die Motten selbst, die sich, dankbar über das leicht zugängliche fürstliche Mahl, dort eingenistet haben, noch die Spinnfäden in den Mehl- und Bröslresten beim leidenschaftlichen Panieren aufgefallen. Aufgefallen ist auch der Resi-Tant nix, zum Glück, sonst hätt er was erlebt, der Motz-Onkel.
Heute sind Insekten als eiweißreiche Nahrung der ultimative Hype, was die Progressivität und Fortschrittsaufgeschlossenheit vom Motz-Onkel schon in den frühen 80ern noch unterstreicht. Einige Jahre später hat meine Mutter die grauslichen Datzerl samt den grauslichen Motten entsorgt, später, als der Motz-Onkel aus gesundheitlichen Gründen zum Salat übergewechselt ist und sich die Resi-Tant die knusprigen Schnitzerl hat aufzeichnen können. Die Lilienporzellanteller lehnen seither einsam in der Kredenz in der Sommerkuchl. Beide warten sie auf die erbgierige Verwandtschaft, die schon seit Jahren darauf spitzt. Vielleicht waren ja sie es, die dem Motz-Onkel die unseligen Plastikdatzerl aufgedrängt haben, in der Hoffnung auf ein vorgezogenes Erbe.
Heute wirft man die schimmligen Lebensmittel weg, man kennt sich aus. Und man paniert nix mehr, man kennt seine Cholesterinwerte. Und man kauft hippe, immer wieder neu kreierte braune Laibe in allen Formen und Größen, die Gott verboten hat, kennt kein frisches Bäckerbrot mehr. Pendelt zwischen den Backkettengeschäften, in deren Hinterzimmern Aufbacköfen Teiglinge erhitzen, die zwar satt, aber nicht zufrieden machen, hin und her auf der Suche nach dem guten Brot, vom dicken, weißbeschürzten Bäcker. Und man isst nicht mehr mit Genuss, was auch verständlich ist, wenn man den Preis für die Minischeibe, durch die man locker die Zeitung hindurch lesen kann, auf den seinerzeitigen Brotpreis umlegt. Wenn wir noch lange auf wirklich gutes Brot warten müssen, sind wir vermutlich selber schon verschimmelt.
[CC]
