4. Das Häusl

Mein Stiefvater ist Ungar. Und Österreicher. Eigentlich war er, Hand aufs Monarchistenherz, Österreich-Ungar. Und ein Graf. Ein verarmter. In Ungarn hat es eigentlich nur Grafen gegeben. Und verarmte Grafen. Ganz ehrlich, alle Ungarn, waren laut Selbstdefinition verarmte ungarische Grafen. Zusätzlich waren sie beim Geheimdienst. Und damit das nicht so auffällt, ist man dann in harmlose Berufsbereiche übergewechselt, also vom Obristen zum Observisten avanciert. Da konnte man selber unbehelligt bleiben, aber andere ungestraft behelligen. Das hat dann auch nicht mehr Geheimdienst geheißen, sondern Privatdetektei. Nur das verarmte ist geblieben. Offiziell hat man das natürlich nicht zugegeben, denn neben der gräflichen Verarmung haben die Ungarn auch noch den Stolz erfunden. Denn, wenn man was hat, kann man was zeigen. Wenn man nix hat, kann man nix zeigen. Doch selbst verarmter Adel verpflichtet, und so hat man halt gezeigt, was man nicht hatte und sich  kräftigst alteriert über den übertriebenen Geiz des erklärten Gegenspielers, eines berühmten Wiener Strafverteidigers, der zwar hatte, aber an besonders heikler, weil stiller Stelle gespart hat, nämlich am

Häusl.

So ein Scheißhaus ist eine feine Sache. Wenn man denn eines hat. Also ein höchstpersönliches. Meistens hat man eines teilen müssen. Nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch mit der unsympathischen Witwe Federbusch, die einem den Schrebergarten um ein paar nodige Netsch abgekauft hat, damals, als die Zeiten noch schlecht waren. Aber da manche Leut offenbar dem Teufel zu schad waren, hat man sich mit ihr arrangieren müssen. Und das Häusl teilen. Die stillen Örtchen waren damals ausländisch, nämlich indisch, weil am “Ende des Ganges”. Gleich neben der Tür von der alten Schnepfn. Und kaum hat man die Nase bei der alten knarrenden Zinshaustür rausgehalten, ist die ihre schon aufgegangen und sie hat sich vorgedrängt und ist ewig gehockt. Und hat die Rolle wieder mitgenommen, feinstes weißes Blatt, sowas hat sich unsereiner nicht leisten können.
Den ungarischen Stiefvater hat sowas nicht aus der Ruhe bringen können. Er hat bei passender Gelegenheit, also immer, wenn die Sprache aufs Häuslpapier gekommen ist, heißt, mehrmals täglich, von seinem erklärten Feind, dem Star-Anwalt mit ähnlich klingendem Namen erzählt.
Der hat zwar ein Häusl innerhalb der Mauern seiner Kanzlei gehabt, aber die Ausstattung war mau. Das brettlharte Winzighandtuch war ja noch nicht so wild, und dass es nur Kaltwasseranschluss gegeben hat, das hat nach seiner Definition jung gehalten – und seinen Sparstrumpf rund und prall wie eine Mazzenkugel. Die richtige Chuzpe, die ihresgleichen sucht, aber nicht gefunden hat, in der richtigen Härte sozusagen, war das Papier. Genauer gesagt, das Häuslpapier. Es hat nämlich keines gegeben. Also keines im herkömmlichen Sinn, Papier auf Rolle. Und schon gar kein federbuschiges weißes Flauschpapier auf Rolle. Es gab nämlich keine Rolle. Außer die, aus der man gefallen ist, wenn man da so friedlich gesessen ist, die Hose um die Knöchel hängend, sich ratlos sitzend umgesehen, hin- und hergewendet, soweit es die Position und der Leibesumfang halt zugelassen haben. Und so war es schlau, zuerst einmal die Lektüre wegzufalten, die die frech von der Arbeitszeit abgeschnorrten Mußeminuten begleitet hat. Einmal, zweimal, es war ein mächtiges Großformat. Und dann weiter die Umgebung observiert, links und rechts vom Hintern. Links steht traditionell die Klobürschte. Die heißt wirklich so. Und sie ist nur außen weiß. Und steht einfach rum. Mehr kann man zu ihr wirklich nicht sagen. Rechts ist in manchen Luxushäusln die Lektüre, also Tages- oder Wochenblätter in unterschiedlicher Inhaltsgüte, deshalb vielleicht auch die Bezeichnung Häuslpapier für manches “Qualitäts”blatt. Die stecken dann in so einem stahlrohrenen Ständer mit Perlmuttgriff. Und sind so angegilbt, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Doch beim sierigen Star-Anwalt, erzählt der ungarische Stiefvater, hat’s zwar Zeitungen gegeben, aber nicht im Ständer. Und nicht zum Lesen. Die sind, fein säuberlich von der Rachel, der Sekretärin in – mundgerechte Stücke zu sagen, wäre verfehlt – anlassbezogene Formate gerissen worden. Und da man mit heruntergelassener Hose doch eher verwundbar ist, hat man halt fluchend sich so ein paar dünne Blattln gegriffen und beim Wischen gehofft, dass der Hintern mindestens so blitzsauber wird wie die Fensterscheiben von den alten Kastenfenstern, wenn man sie nur ordentlich damit poliert hat.

An dieser Stelle holt er, erschöpft vom Wortdurchfall, tief Luft, der ungarische Stiefvater, der nach diesem traumatischen Erlebnis fortan seinen letzten Kies für schmeichelweiches Papier ausgegeben hat. In der Speis hat es eine eigene Abteilung für sein eigenes Klopapier gegeben, ja Klo, das war der blanke Luxus, nix mehr mit Häusl. Da ist selbst die alte Federbusch erblasst, die sich darob derart geärgert hat, dass sie eine Rolle ihres Doch-nicht-so-super-Flausch im Zwangsgemeinschaftshäusl vergessen hat, das wir dann boshafterweise selber weggewischt haben. Genauso wie ihre Beschuldigungen. Und das Schönste war, am Klo, egal ob indisch oder privat, war man ganz Mensch, zurückgeworfen auf die ureigensten Bedürfnisse, wo weder gespart noch am Putz gehaut werden musste. Nicht, weil er dann heruntergebröckelt wär, der ewig weiße, mürbe Kalkputz, sondern weil in der Stille alle Hintern gleich waren.

[CC]

klopapier

Die Gier ist bekanntlich ein Hund, der einen, früher oder später, an empfindlicher Stelle beißt, vor allem, wenn man ihm mit heruntergelassenen Hosen begegnet. Dann lädt man ihn gewissermaßen dazu ein und darf sich nicht wundern, wenn’s dann weh tut. So geschehen neuerdings in Großbritannien und anderen sogenannten „reichen“ Staaten. Diese sehen sich angesichts der ungeplant exponentiell anwachsenden (Ja, auch Exponentialkurven sind Hunde, wie einem Mathematiker und Erbauer von Hochschaubahnen bestätigen werden; erst fangen sie ganz flach an, aber dann geht’s plötzlich rasant bergauf.) Zahl von Personen, welche ein Intensivbett mit Beatmung brauchen, unerwartet mit den Folgen ihrer Gesundheitspolitik der letzten 30 Jahre konfrontiert. Moment, werden Sie einwenden, was hat das mit Gier zu tun? Nun, folgen Sie mir etymologisch.

Es fängt damit an, dass das Begriffsfeld und der moralische und Nutzwert der ‚Gier‘ und ihrer Artverwandten nämlich eine komplexe Grauzone sind. Schon die Theologen tun sich da schwer, lässt sich die Todsünde der avaritia aus dem um Mehrdeutigkeiten nie verlegenen Latein doch mit ‚Gier‘, ‚Geiz‘ oder ‚Habsucht‘ ins für begriffliche Präzision bekannte Deutsch – deswegen ja auch als DIE Sprache der Philosophen gerühmt – übersetzen. (Wobei wir die weitere Zweideutigkeit, die sich durch die für Lateinschüler immer schwierige Unterscheidung zwischen dem genitivus obiectivus und subiectivus ergibt, mal außer Acht lassen; weil die Frage, ob es jetzt die „Gier nach Geld“ oder die „Gier des Geldes“ ist, in einer finanzmarktgesteuerten, globalisierten Wirtschaft ohnehin zu einem einzigen genitivus criminis zusammenfällt.)
In der einen deutschen Begriffsfeldecke steht da also zunächst einmal die reine ‚Gier‘, gern auch mal als „Hab“gier präzisiert, jenes Streben nach mehr und immer mehr, in dem schon Aristoteles (wenn wir schon grad die Philosophen auspacken) – er nannte sie präzise beschreibend auf Griechisch pleonexia = das „Mehr-haben-wollen“ – eines der Grundübel (Sünden kannte das fröhliche Heidentum noch keine) und eine der Hauptursachen für Ungerechtigkeit in der Welt sah. Mit der Gier mag sich keiner gemein machen, auch wenn der amerikanische Historiker und Zivilisationstheoretiker ⇒ Ian Morris sie als eine der drei menschlichen Grundmotivationen (neben Angst und Faulheit) identifiziert haben will, und damit vielleicht nicht ganz falsch liegt. Die defensive Form der Gier, frei nach Aristoteles das „Nicht-weniger-haben-wollen“, wäre sodann der nicht minder übel beleumdete ‚Geiz‘, zumal wenn er, wie beim Häuslpapierbeispiel obenan, dort auftritt, wo ihm die aus Not geborene moralische Adelung fehlt. Besitzt er diese aber, findet man sich gegenüber – sozusagen auf der lichten Seite – bei der ‚Sparsamkeit‘ wieder, die als Subtugend der ‚Mäßigung‘ – Lateiner sagen dazu temperentia – immerhin eine der Kardinaltugenden der christlichen Morallehre ist.
Auf Neudeutsch heißt die Sparsamkeit, zumal wenn sie von staatlicher Seite sich selbst und damit infolgedessen den Staatsbürgern verordnet wird, ‚Austerität‘ und hat nichts mit wohlschmeckenden Schalentieren zu tun, sondern kommt vom englischen austerity.  Austerity heißt nun aber in der angelsächsischen Herkunftssprache erst seit der kriegsbedingten Rationierung während des Zweiten Weltkrieges sowas wie ‚Sparsamkeit‘. Davor bedeutete es – das Wort ist seit dem 14. Jahrhundert, als die Engländer im Zuge des Hundertjährigen Krieges viel Gelegenheit hatten, selbige den Franzosen anzutun, von denen sie dieses Wort (altfranzösisch: austérité ) auch gleich geplündert haben – „Härte“ oder „Grausamkeit“. Da diese Härte auch eine gewisse Härte zu sich selbst mit einschließen konnte, wurde austerity etwa seit Shakespeares Zeiten im Sinne von ‚Selbstdisziplin‘ und ‚Askese‘ verwendet, welche die britischen Behörden dann während der Blockade ihrer Insel durch die deutsche U-Boot-Kriegsführung der eigenen Bevölkerung im Interesse der Rettung der Nation verordnen mussten. ‚Sauer‘ aufgestoßen und ‚herb‘ enttäuscht (das sind nämlich, zumindest wenn man von Wein spricht, die ursprünglichen Bedeutungen des hinter dem romanischen austérité steckenden, natürlich wieder lateinischen, austeritas) ist den Briten das damals nicht. Die Rationierung hat sich nachweislich positiv auf die Volksgesundheit ausgewirkt, hatten die Angelsachsen durch die mangelbedingte Reduktion ihres Konsums von Zucker, Fett und Koffein nach dem Krieg nachweislich bessere Zähne, weniger Herzkrankheiten und eine niedrigere Rate von Diabetikern als vor dem Krieg. Das hat sich aber nicht lange gehalten, und es kam dann nach dem Krieg – in wieder besseren Zeiten – deswegen auch ganz gelegen, dass die Labour-Regierung von Clement Attlee 1948 den National Health Service einrichtete, der die wieder zunehmende Zahl von Herzkranken und Diabetikern sanft auffing, während die verhängnisvolle Kombination von starkem schwarzem Tee und Zucker, zu dem sich die Engländer traditionell hingezogen fühlen, auch durch das großartigste Gesundheitssystem der Welt nicht hätte verhindern können, dass die Inselbewohner bis in die jüngste Vergangenheit wegen ihrer schlechten Zähne auch international berüchtigt waren. (Wenn Sie das nicht glauben, googeln Sie mal „British teeth“; oder tun Sie es lieber nicht! Lesen Sie einfach das ⇒ hier.)

Nun eben gegen solche sozialstaatlichen Errungenschaften der Nachkriegszeit richtete sich seit den 1980ern jene neue Form der Austerität, deren Verortung auf dem begrifflichen Spektrum zwischen Geiz und Sparsamkeit noch zu diskutieren wäre. Sie beruht auf der Idee, die im ersten Moment ja recht einleuchtend erscheinen mag, dass man nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt. Nur ist das halt eine Prämisse, die auf Sie, mich und den alten Stern zutreffen mag, aber nicht auf Staaten, die ihre eigene Währung ausgeben. Das wusste man früher, und jüngst setzt sich diese Ansicht auch unter Ökonomen wieder durch. (Wer mehr dazu lesen möchte, sei auf das Oeuvre des australischen Ökonomen ⇒ Bill Mitchell verwiesen.) Dazwischen, und in dem, was als „orthodoxe“ Ökonomie bekannt ist – also das, was Sie an den meisten Wirtschaftsunis lernen, wenn Sie Ökonomie studieren – war man … nun genau so schlau wie der sierige Staranwalt und glaubte, dass man aus Prinzip (Orthodoxie kommt schließlich von griechisch dogmaund das heißt schließlich „glauben“, was bekanntlich im Deutschen „nichts wissen“ bedeutet und wenn es um nichts geht, geht’s meist um’s Prinzip) sparen muss, wo man aus Notwendigkeit nicht sparen bräuchte und vernünftigerweise nicht sparen sollte, etwa bei der Ausstattung des Gesundheitssystems mit Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Es ist zwar noch niemand an hartem Klopapier gestorben, aber an der ‘Härte’ mit der die Einsparungen im britischen Gesundheitssystem durchgesetzt wurden, sterben jetzt gerade Menschen. Und es ist am Ende dann ganz unerheblich, ob man Austerität als ‚Geiz‘ oder ‚Sparsamkeit‘ verstanden haben will, wenn sie sich dann in extremis als ‚Grausamkeit‘ erweist.

PS: Auf die seltsame Gier nach Klopapier in der gegenwärtigen Situation vermag sich auch der Autor in all seiner Gelehrsamkeit keinen Reim zu machen. Er selbst hat noch gezählte zehn Rollen mittlerer Härte, ruft aber wie immer auch in dieser Sache zur Mäßigung auf.

[IS]

Zimmer, Kuchl, Kabinett

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