Ernten kann eine ertragreiche Sache sein. Und spannend. Denn es kommt immer darauf an, was man denn so erntet. Der Motz-Onkel hat tonnenweise Obst und Gemüse geerntet, um die Resi-Tant kulinarisch bei Laune zu halten. Die Ringelblumen hat er kubikmeterweise eingebracht und dafür viel Lob geerntet. Nur vom Rest der Familie, die die Ringelblumenblütenteediät auf Dauer nicht vertragen hat, hat ihm das scheele Blicke eingetragen. Manche sind dann auf seinen Büffeltöterkaffee umgestiegen, was dem Franz Onkel beinahe einen Herzinfarkt eingebracht hätte, was wiederum die Resi-Tant geärgert hat, die ihrerseits noch nicht fertig war mit einholen, weil der Franz noch immer nicht das Testament zu ihren Gunsten, von dem er schon jahrelang gesprochen hat, anständig verfasst hat und sich auch noch immer drumherumgedrückt hat, die Losungswortsparbüchel samt Losungswort aus Sicherheitsgründen bei ihr zu deponieren. Und dafür hat der Motz-Onkel wieder jede Menge Schimpfer eingefahren. Meinem ungarischen Stiefvater hat der Büffeltöter nix gemacht. Der hat unbeeindruckt alles weggeschlürft, denn er war gut eingebürgert im Land des Kaffees und der Mehlspeise. Das hat den Motz-Onkel besonders gefreut, und so hat er ihm gerne ungarische Spezialitäten serviert, vor allem Letscho hat er mit Vorliebe aufgetragen, denn erstens hat der Garten haufenweise Paprika produziert, und zweitens hat man die Ungarn ja auch Letscho-Bácsi genannt. Man sieht, es war ein köstlicher Kreislauf, das Einbringen, Eintragen, Einholen, Einfahren, Einbürgern, Produzieren und
Das Ernten.
Die Früchte des Gartens sind kostbar. Das hat man damals noch gewusst. In Wien war man der Petschierte, da war nix mit ernten. Wo hätte man auch etwas anbauen können, die Zimmer-Kuchl-Kabinett Gemeindewohnungen hatten keine Loggia, keinen Balkon, kein nix. Der Kleingarten, den der Großvater drentan Donaukanal gehabt hat, ist schon im oder kurz nach dem Krieg verkauft worden, da haben die paar Netsch, die die reiche Witwe Federbusch dafür herausgerückt hat, über Umwege eher den Magen gefüllt, als ein paar Quadratmeter Bodenfrüchte. Die Resi-Tant hat ebenfalls die Hälfte ihres Grundes an die Nachbarn verkauft, dafür war man einander, als die Zeiten wieder besser waren, und man den Boden wieder gut hätte brauchen können, spinnefeind, weil eben verkauft und weg. Dafür hat sie heimlich in der Finstern Ringelblumensamen über die Gartenmauer geschupft, die fröhlich aufgegangen sind, im ehemaligen Eigentum und der Nachbar, der Ringelblumen gehasst hat wie die Pest, nicht mit Ausreißen nachgekommen ist. Die Weinbauerngroßeltern haben nix verkauft, die hätten lieber den Kitt aus den Fenstern gegessen, wie man so schön sagt – damals gab’s ja auch noch anständige Holzfenster mit Kitt, keinen Plastikmist – bevor sie einen Quadratmeter Rebengrund verkauft hätten. Die Weingärten waren überhaupt praktisch. Die haben jede Menge Obst produziert, das zwischen den Reihen einfach so gewachsen ist. Es hat Kirschen gegeben, rund und rot und süß, die die Weinbauerngroßmutter in ihr Firta hineingeerntet hat. Die am Boden gelegen sind, haben wir Kinder eingesammelt, die sind dann an den Branntweiner verkauft worden, damit nix verkommt. Sonst hat das Ernten eigentlich Lesen geheißen. Trauben werden gelesen, egal ob vorn vorne nach hinten oder von hinten nach vorne, jedenfalls in die Butte hinein. Und daraus ist dann Wein geworden. Und aus dem Wein ist Geld geworden. Und das Geld ist ins Börsel von der Weinbauerngroßmutter gewandert und nur für absolute Notfälle wieder aufgetaucht. Der Weinbauerngroßvater war aber auch kein Depp nicht, und so hat er den Wein gleich so getrunken, da hat er wenigsten was davon gehabt von der vielen schweren Arbeit. Und so hat er bereits zum zweiten Frühstück einen roten Spritzer genommen, und zu Mittag und am Abend. Und der Siphon von der alten Sodaflasche hat geglüht, wie die Wangen vom Weinbauerngroßvater vor weinseliger Zufriedenheit und die Birne von der Weinbauerngroßmutter vor Wut über die Kapitalvernichtung. Der Motz-Onkel hat eine Liebe für alles, was groß war, gehabt. Nicht nur für die Resi-Tant, die in Italien in den Schuhgeschäften mit ihrer Schuhgröße 43 die Verkäufer meist in tiefe Verzweiflung gestürzt hat. Gigantisch im Ausmaß, wie die Füß von der Resi-Tant, sind dann auch seine Früchte gewesen. Um die Zucchini hat der Lanzenstechverein angefragt, und eine Firma mit eigenartigem Namen „Toys for fun“, aber Englisch hat der Motz-Onkel nicht gekonnt, und so hat er sich nix dabei gedacht. Vor seinen Kürbissen hätte sich selbst Michael Myers gefürchtet, und Kiwi hat er schon gehabt, da galt man noch als verwegener Abenteurer, wenn man sich drübergetraut hat, sie zu essen. Und Äpfel hat er gehabt, jede Menge Äpfel. Da hat er gutmütigerweise immer einige Kisten dem Großvater und der Großmutter zukommen lassen, denn in Wien war ja nix mit eigenem Obst, und dann hat der Großvater die Äpfel in militärische Formation gebracht, am weiß-braunen Schleiflackkasten, und wenn die Großmutter einige weggenommen hat, für Apfelknödel, seine erklärte Leibspeise, hat er die Kameraden nachrücken lassen, damit die Reihen wieder perfekt in Reih und Glied gestanden sind.
Heute sehnt man sich wieder nach einem Fleckerl Grund. Aber nicht nach so einem Schaugarten mit nur Rasen bis zum Horizont, lediglich eingerahmt von Thujen, die traditionell so knapp an den Zaun gepflanzt wurden, dass sie bereits im zweiten Jahr fröhlich durchgewachsen sind und sich dem Fußgänger stichelig in den Weg gestreckt haben. Nein, sowas nicht. Heute tut man urban gardening. Wenn es Englisch ist, kann es irgendwie mehr. Und heißt nix anderes, als besagtes winziges Fleckerl Grün um eine unverschämte Summe zu mietpachten und darauf was anzupflanzen. Und aufpassen, dass man nicht allzuweit ausholt beim Hacken, sonst derwischt man den Nachbarn aus dem Gemeindebau. Der tut nämlich jetzt auch urban gardening, obwohl der ja einen Balkon hat, der Hund, einen winzigen zwar, aber immerhin. Und man pilgert hin, regelmäßig, zum gießen und Unkraut zupfen, der moderne Gärtner sagt jäten, und freut sich über alles was sprießt. Sogar über besagtes Unkraut, seit Löwenzahn und Giersch im Bobo-Salat gelandet sind. Und während die Resi-Tant unter Gezeter den verirrten Löwenzahn aus dem Salat fischt, während sie die Zahlenkolonne im Sparbüchel studiert, platziert der städtische Gentrifizierer seinen urban dandelion salad gefällig auf der handpolierten Walnusstheke. Und so wird allerorts und durch alle Gesellschaftsschichten gepflanzt, gegossen, geerntet und genossen.
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Am Ende von Frank Herberts „Wüstenplanet“ lehrt der rebellische Paul Atreides dem Padischah Imperator Shaddam Corrino IV eine wichtige Lektion über Macht und Besitz: „Wer die Macht hat, eine Sache zu zerstören, der besitzt sie.“ Wie vieles, was tiefgründig ist, aber man halt so in jungen Jahren liest, in einer spannenden Geschichte mit Ornithoptern und Lasguns und riesigen Raumschiffen, klingt dieser Satz zuerst mal cool, der Sinn erschließt sich einem aber erst viel später. In diesem Fall nicht angesichts zimtbrauner Steifen in den Dünen von Arrakis am Ende eines wirklich fetten Romans sondern von ähnlich braun Streifen verrottendem Obst in den Gärten Niederösterreichs am Ende eines heißen Sommers. In den Gärten der Häuslbauersiedlungen faulen summierte Tonnen dieser Äpfel vor sich hin. Während dessen beklagen sich die Besitzer dieser Gärten über die mit dem Faulobst einhergehende Wespenplage, welche sie effektiv darin hindert, ihren zum Ausstellungsraum der Gartenabteilung des lokalen Baumarktes verkommenen Grund und Boden nach dem anstrengenden Tagwerk wenigstens zum entspannten Genuss des Feierabendbiers zu nutzen. Folgerichtig verzichten sie auf den Gartenaufenthalt, nehmen das Bier, wie im Winter, im Wohnzimmer vor dem Fernseher ein, wo ihnen in den Nachrichten verkündet wird, dass die Preise für steirische Äpfel wegen des klimawandelbedingten unordentlichen Auf und Ab der Temperaturen während der Apfelblüte und der folgenden unerwartet schlechten Ernte wohl ansteigen werden. Sie zucken mit den Schultern, fahren – weil die Frau, die ihnen nicht mal ein ruhiges Feierabendbier vor dem Fernseher gönnt, es ihnen anschafft – wieder einen kleinen Teil zum steirerapfelkillenden Klimawandel beitragend auf einen Sprung zum Diskonter, wo sie einen Sack geschmacklose aber wasservolle Pseudoäpfel erstehen, die ebenfalls klimawandelförderlich aus fernen Weltregionen herbeigekarrt wurden und das treusorgende Eheweib nun in den nach Großmutters ererbtem Rezept angefertigten Apfelstrudel verbäckt. Während sie dann später lustlos an Omas Apfelstrudel kauen, der einfach nicht mehr so schmeckt, wie damals bei Oma, starren sie trübsinnig durch das sicherheitshalber angebrachte Insektengitter in der wegen der ebenfalls klimawandelbedingten drückenden Sommerhitze geöffneten Terrassentüre auf den Wespenschwarm im Garten, der das süße, geschmackvolle Fleisch eben der Äpfel, aus denen Oma seinerzeit ihren legendären Apfelstrudel gebacken hat, Wespenportionsweise davonschleppt und sinnen über den Ankauf einer Motorsäge im schon für den Rest der Gartenausstattung verantwortlichen Baumarkt nach, um dem insektenanziehenden, nutzlosen Gewächs endlich den Garaus zu machen.
Riesige Regenwürmer, die sich, ein jungerhaltendes, psychotropes Gewürz aussondernd, durch die Dünen eines fiktiven Wüstenplaneten wühlen, mögen Manchem ein wenig absurd erscheinen. Niederösterreichische Gartenbesitzer, die nach Kräften mit ihrem Konsumverhalten dazu beitragen, heimische Obstkulturen zu vernichten und weitaus besseres Obst, als sie jemals im Billigsupermarkt für Geld kaufen könnten, auf ihrem Grund und Boden verfaulen lassen, sind tatsächlich absurd. Frank Herbert hat, so ist unter Literaturwissenschaftlern mittlerweile der Konsens, ein zutiefst philosophisches und zivilisationskritisches Werk unter dem Deckmantel einer Space Opera geschrieben. Im Sinne einer echten, literarischen Utopie ging es ihm darum, Wahrnehmungen und Wahrheiten über menschliches Sein und menschliche Gesellschaft im sicheren Mantel der Fiktion an seine Leser zu bringen. Derartige Texte sind wie Impfungen. Sie verabreichen dem Geist in harmloser Form eine kleine Dosis gefährlicher Gedanken, die einen so dauerhaft gegen wirklich gefährlichen Unsinn immunisieren. So ein gefährlicher Unsinn ist der Schutz des Privateigentums. In logischer Umkehrung von Paul Atreides Diktum bedeutet nämlich Besitz das durch die Gemeinschaft (in unserem Fall ist das der Staat) geschützte Recht, etwas – selbst wenn jemand anders es dringender oder sogar notwendig braucht – zu zerstören oder (etwas weniger drastisch aber genauso effektiv) verkommen zu lassen. So können Menschen verhungern, während andere Lebensmittel wegwerfen; Menschen auf der Straße schlafen, während andere Wohnungen leerstehen haben; und Menschen an Krankheiten sterben, während andere die Patente an den Medikamenten besitzen, welche diese heilen könnten, sich aber weigern sie herzustellen, weil man ihnen nicht den Preis dafür zahlen kann, den sie sich vorstellen. Besitz bedeutet immer und in erster Linie nicht etwas zu haben, was meinem Nutzen und Frommen dient, sondern vor allem, dass niemand sonst dazu Zugang erhält, und wenn er es noch so viel dringender bräuchte oder – kleine Anregung für die, die denken Privatbesitz steigere die Nutzungseffektivität – es effektiver nutzen könnte als ich. Viel Obst vergammelt in Österreichs Gärten, weil den Besitzern schlicht die Zeit, Fähigkeit oder einfach der Animo fehlt, es aufzuheben. Paul Atreides reduziert in der finalen Konfrontation im Thronsaal des Imperators das Konzept von Besitz auf seine Essenz: Besitz bedeutet am Ende nicht, etwas zu haben, aus dem man was machen kann; sondern in extremis zu verhindern, dass irgendjemand anderes etwas damit machen kann. Seine Drohung, das Spice auf Arrakis zu zerstören und damit die galaktische Zivilisation in den Untergang zu stürzen, bringt die Beziehung zwischen Macht und Besitz auf den Punkt. Die mit Besitz verbundene Macht beruht immer auf Verhinderung. Es ist die Macht den Zugang zu etwas zu verweigern, weswegen das Symbol des Privatbesitzes schon bei den Philosophen der Frühaufklärung der Gartenzaun war. In der in der Philosophie als Methode seit Aristoteles gängigen reductio ad absurdum bedeutet dies ultimativ die Macht zu zerstören. Eigentum bedeutet, dass, wenn die Gegenseite nicht bereit ist, den geforderten Preis zu bezahlen, der Eigentümer mit keinem Mittel gezwungen werden kann, Zugang zu seinem Eigentum zu gewähren und wenn ihm danach ist, das Recht, es zu vernichten. Dies zum Fundament einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu machen erscheint, naja, zumindest so vernünftig wie sehr große Regenwürmer in einer planetaren Sandkiste. Glauben Sie nicht? Dann versuchen Sie mal, einen der kleinen Imperatoren dazu zu bringen, Sie das Obst aufklauben zu lassen, das er gerade verfaulen lässt. Da schneid’t er vorher den Baam um! Und wehe, er erwischt sie beim Äpfelstehlen! Recht hat er, oder zumindest im Recht ist er. Frank Herbert hat auch dazu einen immunisierenden Gedanken: „Was sind Gesetze? Versuche, die Raubtiernatur des Menschen zu sozialisieren? Das Bemühen von Machtgruppen, ihre usurpierte Herrschaft zu legalisieren? Mittel zur Durchsetzung und Zementierung von Minderheitsinteressen? Du darfst die Gesetze nicht zu genau ansehen. Tust du es, wirst du enttäuscht und empört sein.
– Frank Herbert, Der Herr des Wüstenplaneten
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