Aus den Kindern der 70er wurden die Jugendlichen der 80er. Kulinarisch galt man als verwegen, wenn man einen Toast Hawaii oder die styroporartigen Hummerchips verzehrte. Modetechnisch waren wir restlos revolutionär, wenn wir im streng katholischen Mädchengymnasium die Pullover mit dem Ausschnitt nach hinten getragen haben, und unser versnobtes Privatschulimage haben wir gepflegt, indem wir Verehrern mit Namen wie Basil und Armand vor den Günthers und Edis den Vorzug gegeben haben. Musikalisch wurden Die Ärzte unter der Schulbank als heiße Ware gehandelt. Was für verruchte Themen! Sodomie, Inzest, Bondage, Sodom und Gomorrha quasi, da haben die Schwestern nicht nur wegen ihres engen Habits zu schwitzen angefangen. Kurz: Wir waren Helden. Damals. Heute sind wir zwangsweise HeldInnen. Lesetechnisch kursierten verschiedene Heftln, heute heißt das Zeitschrift, die in den alten Pulten zum Aufklappen sorgfältig unter dem eher weniger beliebten liber latinus verborgen worden sind. Da gab’s einmal die Denise-First-Love-Kitschheftln für die verträumten Gemüter. Der Rennbahn-Express war eher fad, Popcorn und Pop-Rocky so mittelprächtig unterhaltsam. Und dann hat’s ein Heftl gegeben, mit Inhalten, so richtig nach dem Geschmack von Schülerinnen einer burschenlosen Upper-Class Institution
Das Bravo.
Ja, es hieß d-a-s Bravo, nix d-i-e Bravo. Komische Piefke und ihre falschen Artikel. So von außen haben die Heftln ja recht harmlos ausgesehen. Popstars, die zu Pappstars wurden, so ein Starschnitt war schließlich dazu da, die hässlichen Kästen im Schleiflack- oder Moorleichenlook, die zu unseren Kinderzimmermöbel umfunktioniert worden sind, zu verdecken. Und die Türen mit dem Glaseinsatz zuzupicken, damit von außen nicht so genau gesehen werden konnte, was wir so getrieben haben, wir burschenfreien Mädchen mit unseren erwachenden Sehnsüchten. Am Anfang war das mit den Postern eine eher verdeckte Operation. Schließlich war sie noch nicht allzu lange her, die Phase mit den Tierpostern, niedliche Kätzchen und Pferde, die von sinistren Gestalten mit langen Mähnen, diesmal aber keine Gäule, sondern maximal steile Hengste, abgelöst worden sind. Da hat man dann das Poster mit der Nena vorne auf die Tür gepickt, während hinten der steile Ivan von Man without Hats verführerisch durch die Glastür ins Zimmer gegrinst hat. Man hat, also die Erwachsenen haben, halt eh nicht erkannt, was Manderl oder Weiberl war. War auch ehrlich schwer zu erkennen. Lange Haare ist gleich Mädchen. Kurze Haare ist Bub. Rock oder Kleid ist Mäderl, Hose ist Bub. Dicke Hose an der richtigen Stelle ist Mann. Ganz einfach zu erkennen war das damals. Und jetzt – Umbruch – Kulturrevolution, eine Schande, da hängen den Postergestalten die fettigen Haare in die Visage, dass man nix derkennt und die Hosen sind so eng, dass es man sich aussuchen kann, von welchen Lippen man was abliest. Einen Mörderstreit hat es damals mit der Resi-Tant gegeben, die steif und fest behauptet hat, der Boy George sei ein Mädchen. Der hat doch lange Haar‘, hat sie aus ihrer Kulturblase herausargumentiert, das muss ein Mädchen sein. Das Boy hat ihr auch nix gesagt, mit den boys hat sie es, sehr zum Leidwesen vom Motz-Onkel, auch nicht so recht gehabt, also, Schluss mit der Diskussion. Das hat aber auch nix gemacht, und das Aufhängen weiterer Langschwanzträger somit streitarm möglich. Später hat sich dann herausgestellt, dass einige von ihnen tatsächlich vom anderen Ufer waren, aber lassen wir das lieber, das war damals noch kein Thema, da haben die dicken Hosen die rosa Hosen in der Männlichkeit um anständige Längen übertroffen. Kommen wir nochmal zum Inhalt zurück. Gut, da waren die Stars. Und die Starschnitte. Und die Liedertexte und die Storys und überhaupt. Aber seien wir doch ehrlich, warum genau haben wir das Bravo (ha, nehmt das, ihr Germanen) gekauft? Genau, wegen der Aufklärung. Und dem Doktor Sommer. Und der Aufklärung durch den Doktor Sommer. Der ist auch nicht wirklich älter geworden, zumindest hat er immer dasselbe Bild gehabt. Und er muss viel zu tun gehabt haben, so alleine mit all den Anfragen verzweifelter pubertierender Jungmenschen. Am besten war die von der verzweifelten Sandra, ein damals ähnlich beliebter Name wie heute Vanessa. Egal. Auf jeden Fall hat die Sandra mitten im wildesten Petting, was für eine fürchterliche Bezeichnung für verschämtes und linkisches Herumgefummel hinter den posterverpickten Türen, in der nichtrosa Hose ihres Freundes einen harten, flaschenähnlichen Gegenstand ertastet, und hat den armen Doktor Sommer nun gefragt, ob er denn ein Trinker sei. Falls fake news damals noch nicht erfunden waren, haben die sicher noch jahrelang darüber gelacht. Manchmal gabs auch Bilder mit nackigen Affen, rasieren war noch nicht so in – auch die Nena hatte noch haarige Achseln – die Strumpfhosen waren sowieso blickdicht, wie gesagt, katholische Privatschule, und im Schritt hat nicht nur die Schuluniform geknistert. Die Freude an unserer Bibel im Heftlformat hat ein jähes Ende gefunden, als die Schwester Eveline ein von der Claudia, auch ein sehr beliebter Name damals, offenbar nur unzulänglich verstecktes Bravo im Aufklapppult, was genau die gute Ordensfrau im Pult einer sonst unbescholtenen Schülerin gemacht hat, soll hier nicht ergründet werden, entdeckt hat. Da hats dann ordentlich geraucht hinter den Klostermauern, das Bravo ist zur Mutter Oberin gewandert und nicht wieder aufgetaucht. Einbehalten zu genauer Überprüfung, hieß es. Und die Eltern sind antelefoniert worden, Krisensitzungen wurden anberaumt, vom Exorzismus, den der bedingungslos linientreue Pater Anselm vorgeschlagen hat, ist auf Intervention der liberalen Schwester Silvia abgesehen worden, wenngleich unter massivem Protest des Paters, der in seiner nächsten Predigt von der Kanzel drohend die passenden Bibelstellen, aus seiner Bibel versteht sich, herabgedonnert hat. Derart geläutert, haben wir dann die Bravos geschickter verborgen, beziehungsweise zum Flaschensuchen bald zum Original gewechselt, zu den pubertierenden Burschen einer mädchenlosen upper class Institution.
Die Claudia hat einige Heftln so gut versteckt, dass sie erst wieder aufgetaucht sind, als sie mit allen schönen Erinnerungen an ihre Mädchenzeit aus dem Jugendzimmer bei den Eltern ausgezogen ist. Ein wenig vergilbt waren sie schon, die Bravos und das Manterl vom Doktor Sommer war nicht mehr ganz so weiß wie die Weste von der Mutter Oberin, die offenbar immer noch überprüft, weil sie nix verstanden hat von den Sehnsüchten ihrer Schutzanbefohlenen. Und dann hat die Claudia die Bravos eingepackt, das Poster mit dem Boy George, der in der Zwischenzeit schon zum Mädchen geworden ist, von der Tür gelöst, fein säuberlich, beinahe zärtlich in den Karton mit der Aufschrift Meine Jugend gelegt. Sie hat ihn heute noch, wie auch die Erinnerungen an diese wunderbare Zeit des Erwachens.
[CC]

Jede Zeit verdirbt ihre Jugend. Das hat, wie das meiste, bei den alten Griechen angefangen, weswegen die Athener den Steinmetz Sokrates, Sohn des Sophroniskos aus dem Demos Alopeke, vor Gericht gestellt, verurteilt und zum Selbstmord gezwungen haben. Doch das konnte diese Entwicklung auch nicht nachhaltig aufhalten. Der Zeitgenosse des Sokrates, der Komödiendichter Aristophanes, der den lästigen Bauhandwerker auch in einem seiner Stücke – den „Wolke“ – auf wenig schmeichelhafte Weise durch den Kakao gezogen hat, persifliert in einem anderen – den „Wespen“ – derlei Generationenkonflikte. In der Komödie beklagen sich die attischen Greise im Chor unter anderem darüber, dass die jungen Leute von heute (also damals, nämlich 422 v. Chr.) völlig rücksichtslos geworden sind und ihnen auf dem Markt den letzten Sellerie vor der Nase wegkaufen, obwohl sie den doch dringender bräuchten, seiner wohltuenden Wirkung auf die Funktion des männlichen Geschlechtsteils wegen, derer sie im Alter dringender bedürfen als die Jungen. Man sieht, in Generationenkonflikten geht es meist oder immer irgendwie um Sex, den die eine Generation gern hätte, aber nicht hat, und die andere hat, aber nicht haben soll.
Und um neue Medien geht es natürlich, auch schon damals. So lässt der Schüler des Sokrates, Platon, Sohn des Ariston aus dem Demos Kollytos, doch kein gutes Haar am neuen Medium seiner Zeit: der Schrift. In seinem Dialog „Phaidros“ erklärt er das Schreiben zu einer schädlichen Krücke des Verstandes, welche das Gedächtnis schwächt und den dynamischen Prozess des Verstehens durch starres Aufzeichnen ersetzt. Vielleicht ist es auch schon Ausdruck eines Generationenkonflikts, dass die erste Philosophengeneration des Sokrates viel verstand und nichts schrieb, und die zweite des Platon viel schrieb darüber, wie schwer das nicht mit dem Verstehen ist. Aber irgendwie geht es auch um Sex, oder den Mangel daran, in dem Fall die spezielle griechische Variante, die schon vom Prinzip her generationenübergreifend – oder in der Bravo-Sprache „ausgreifend“ und nach heutigem Verständnis wohl „sexuell übergriffig“ – war, welche Platon in Hinblick auf Sokrates und seinen Enfant terrible Schüler Alkibiades, Sohn des Kleinias aus dem Demos Skambonidai, schriftlich (ausgerechnet im berühmten „Symposion“) in Abrede stellt. Die Beziehung sei rein … nun „platonisch“ halt … gewesen. Möglicherweise ein Eifersuchtsdrama von zwei in ihren Lehrer verknallten Jungs; klassisch sozusagen.
Und sobald es wieder klassisch wird, in der deutschen Literatur diesmal, beginnt man sich schon wieder Sorgen zu machen, um den Medienkonsum der Jungen und die gefährlichen Ideen, nicht zuletzt über Liebe und Sexualität, welche dieser der nächsten Generation in den Kopf setzt. Kaum beginnen nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die Druckereien so richtig zu schnurren und die Früchte der von staatlicher Seite zur Volks- und Soldatenzucht zwangsweise durchgesetzten Alphabetisierung, gegen die nun endlich niemand mehr was einzuwenden hat, in der ersten zwangseingeschulten Generation zu sprießen, schon hallt es von allen Seiten, dass die „Lesesucht“ ein schreckliches Übel und die von ihr befallene junge Generation rettungslos verloren sei. „So lange die Welt stehet, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen als in Deutschland die Romanleserey, und in Frankreich die Revolution. Diese zwey Extreme sind ziemlich zugleich mit einander großgewachsen, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Romane wohl eben so viel im Geheimen Menschen und Familien unglücklich gemacht haben, als es die so schreckbare französische Revolution öffentlich thut,“ setzt Johann Georg Heinzmann 1795 die beiden Geißeln der Zeit zueinander in Beziehung. Und diesmal geht’s ums Eingemachte, denn Romane lesen tun hauptsächlich die Frauenzimmer (also die jungen, bürgerlichen Frauen, zuhause, im Zimmer; manchmal auch im Garten). Wenn jungen Frauen Flausen in den Kopf gesetzt werden, ist das Schlimmste zu befürchten, und das hat sich ja auch so erwiesen, gipfelte diese verhängnisvolle Entwicklung doch in einer ganzen literaturgeschichtlichen Periode, die sich Romantik nannte, und von deren Auswirkungen auf den weiblichen Teil der Spezies und deren Lesegeschmack wir uns bis heute nicht restlos erholt haben.
Nur gewöhnen konnte man sich daran, sodass die Romanheftl, welche dann von immer noch unheilbar lesefreudigen jungen Frauenzimmern (also spätpubertären Teenagern in ihren posterbeklebten Jugendzimmern in den 80ern) verschlungen wurden, mittlerweile weitgehend ihren Schrecken für die nächste Generation verloren hatten, die selbst schon damit aufgewachsen war. Und dann bricht in die geordnete Lesewelt so ein Schund herein, der nicht nur wegen des darin Geschriebenen höchst bedenklich erscheint, sondern die mühsam entwickelte bürgerliche Schriftlichkeit auch noch durch ein Übermaß an bunten Bilderln untergräbt, und was für Bilder! Der Effekt, nämlich die gänzliche moralische Degeneration der solchermaßen schon in frühen Jahren mit anstößigen Inhalten konfrontierten Generation, kann der Verfasser dieser Zeilen aufgrund persönlicher Bekanntschaft mit der Verfasserin der Zeilen im vorhergehenden Abschnitt, nur aus eigener Anschauung bestätigen. Da hat auch die Klosterschule nix mehr retten können. So verschmolz in dieser Generation auf bedenkliche Weise eine romantische Einstellung zur Liebe, welche uns das Medium des Romans hinterlassen hat, mit einer befreiten Einstellung zur Sexualität, welche das Medium der diversen Jugendmagazine bewirkte. Kein Wunder, dass da von vielen der Weltuntergang für das Jahr 2000 (oder, wegen Lieferschwierigkeiten 2012) erwartet wurde, als diese Generation sich anschickte, in den Affären der Welt eine zunehmend bedeutsame Rolle zu spielen.
Die Welt ist nicht untergegangen, möglicherweise, weil wir gegen beide Fehlentwicklungen ein neues Medium in Stellung bringen konnten: Internetpornographie! Die junge Generation, welche mit diesem heranwächst, hat aufgrund der allumfassenden Sexualisierung ihrer Medienwelt keinerlei Sinn für Romantik mehr, weil das dazu notwendige Maß an Verbot und Geheimnis fehlt – wie der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, manchmal etwas nostalgisch, moniert – und interessiert sich, nachweislich, nicht für wirklichen Sex, weil sie schon in ihrer formativen Phase mit derartig herausfordernden Performances bombardiert wurde, dass die eigenen, kläglichen Erstversuche dagegen derart peinlich wirken, dass man es lieber gleich lässt, um sich nicht lächerlich zu machen. Wie jede Generation bisher, ist auch diese durch die neuen Medien rettungslos verdorben.
[IS]
Zur Eigenrecherche; das digitale BRAVO Archiv ist geöffnet. Wer noch Fragen hat, zu heiklen Themen, die Antworten findet ihr dort sicher irgendwo und die Gewissheit, was damals für uns beinahe genau so wichtig war, dass ihr nicht die einzigen mit dem Problem seid.