Früher war alles besser – auch die Zukunft.
(unter anderen Karl Valentin zugeschrieben)
Nostalgie bedeutet „Heim-weh“, die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich zuhause gefühlt hat. Auch die Vergangenheit, wie L.P. Hartley treffend bemerkte, ist ein Ort: ein fremdes Land, wo Dinge anders gemacht wurden. Für viele, hört man von allen Seiten, ist inzwischen die Gegenwart, die ja die Zukunft – Hamlets „unentdecktes Land“ – von damals ist, zur Fremde geworden. Diese Texte sind für die, die nicht in der Zukunft angekommen sind, in die sie einst aufbrachen. Sie bestehen einerseits aus Erinnerungen an eine Heimat, aus der uns der unerbittliche Schritt der Zeit auszuziehen zwang, und stellt andererseits die Frage, warum das unentdeckte Land, zu dem wir uns einst aufmachten, sich nicht als jenes strahlendes Utopia erwies, von dem wir träumten.
Nostalgie, der Schmerz, den wir fühlen, wenn wir uns der Dinge erinnern, die wir vergangen glauben, ist, entgegen dem, was wir uns oft glauben machen, kein Phantomschmerz. Er ist das Kribbeln und Krampfen eines Glieds, das wir lange nicht geregt, aber bei Leibe noch nicht verloren haben. Er ist Warnung, nicht Erinnerung. Wer unerklärlichen Schmerz an ungewöhnlicher Stelle fühlt, nehme diesen als Hinweis auf eine bislang vielleicht unbemerkte Erkrankung ernst. Wenn eine Gesellschaft, wie unsere, von Krämpfen geschüttelt wird und diejenigen, die sie am schmerzlichsten erfahren, in den erlogenen Goldenen Zeitaltern, die ihnen die Demagogen vorgaukeln, die bessere Zukunft sehen, ist aufgeklärte Nostalgie intellektuelle Pflicht.
Nostalgie: Als sie zum letzten Mal zu einer progressiven Bewegung wurde, fegte sie die Finsternis des Mittelalters hinweg. Aus der Nostalgie für die untergegangene Antike erwuchs die Renaissance. Damals bewies sich, dass die Gegenwart nicht notwendigerweise die Vergangenheit der Zukunft sein muss. Die Welt begibt sich bisweilen auf Abwege der Zeit und kehrt erst wieder auf den vorgezeichneten Pfad zurück, wenn sich der Irrweg als solcher offenbart hat. Die Welt von Morgen muss nicht die Fortschreibung der Welt von heute sein, wie es uns vor allem jene weismachen wollen, die die Geschichte am liebsten für beendet erklären würden, weil sie sich auf dem Pfad, auf dem sie uns geradewegs in den Abgrund leiten, zu Führern aufschwingen konnten.
Nostalgie ist nicht, wie ihr oft herablassend unterstellt wird, der unerfüllbare Wunsch, den Strom der Zeit umzukehren, sondern die erfüllbare Forderung, dass auch in Zukunft möglich sein muss, was an der Vergangenheit gut war. Eine Umkehr ist im Gang der Weltgeschichte ohnehin nicht möglich. Zurück führt kein Pfad, doch der Weg nach vorne muss nicht in dieselbe Richtung führen, wie der, auf dem wir uns gerade befinden. Er kann auch die Fortsetzung einer Route sein, die wir vor Zeiten verlassen haben, vielleicht ohne es zu merken, vielleicht guten Glaubens, sicher in der Hoffnung, dass sie zu einem glücklichen Ende führt. Die Errungenschaften, die Lehren und die Fortschritte, die uns auf dem Abweg begegnet sind, nehmen wir mit, als Erfahrung und Gewinn. Es ist keine Schande und nicht einmal notwendigerweise ein Schaden, ein Stück Wegs in die Irre gegangen zu sein.
Nostalgie kann uns an der Wegkreuzung, an der wir uns jeden Tag finden, zum Wegweiser werden. Sie erinnert uns daran, dass es einen anderen Weg gab, dass wir einst auf anderen Pfaden wandelten und von dort aus andere Ziele zu sehen waren. Verirrte, so weiß man, laufen noch eine Weile, nachdem ihnen Zweifel an ihrem Weg gekommen sind, in dieselbe Richtung weiter, weil ihnen schlicht nichts Besseres einfällt und sie nicht gerne vor sich oder anderen eingestehen wollen, dass sie in die Irre gegangen sind. Ihnen empfiehlt man, an jenen Punkt zurückzukehren, an dem sie zuletzt sicher wussten, wohin es gehen soll. In der Erinnerung können wir das. Wir kehren zurück in das fremde Land, wo die Dinge noch anders gemacht wurden. Vielleicht finden wir von dort aus den Weg wieder, der in das unentdeckte Land führt, in das wir damals eigentlich aufgebrochen sind.
[IS]