Die Sommerferien in den 80er Jahren waren abwechslungsreich, spannend, charakterbildend. Man fuhr zu den Großeltern aufs Land und arbeitete im Weingarten. Oder man fuhr zu den anderen Großeltern aufs Land und arbeitete im Gemüsegarten. Der hausbauende Onkel, am Land versteht sich, bot sich ebenfalls an. Wir hatten die Wahl zwischen elendem Kaff irgendwo im tiefsten Burgenland oder grauenhafter Einöde im entferntesten Niederösterreich. Elend und grauenhaft deshalb, weil man der Arbeit nicht entkam und weil weit entfernte Dörfer in der Pampa ein hervorragendes Überwachungsnetz, von meist schon verhutzelten Weiblein getragen, besaßen, das der Großmutter minutiös Bericht erstattete, was wir wann mit wem taten. So flog unter anderen meine Erbsenkostaktion mit dem Nachbarsbuben im übernächsten Nachbarsgarten, heute heißt das Diebstahl geringwertiger Sachen, auf. Außerdem war der unehelich, eine ausgesprochene Schande damals. Was das geringere Verbrechen war, die uneheliche Geburt oder die Flaucherei, war quasi Erbsenzählerei.
Angesichts solcher sommerlich-deprimierender Ferienverbringungsaussichten, beschloss meine Mutter für mich, ich sei mit 16 endlich so weit, einer anständigen, diesmal bezahlten Sommerarbeit nachzugehen. Und so kam ich an ihre Arbeitsstätte, das damalige Landwirtschaftsministerium, und zwar in die Schnittstelle, den Nabel, den Ort des Zusammenlaufens allen Tuns und Handelns,
Die Kanzlei.
So eine Kanzlei ist eine kleine Welt für sich. Es gibt den Kanzleileiter, ohne Ärmelschoner, dafür oft mit einem respekteinflößenden weißen Manterl, seine Stellvertreterin, eine devote Dame im Oma-Format, die „Ja, Herr Kanzleileiter, selbstverständlich, Herr Kanzleileiter“, die Befehle des Kanzleigottobersten an die Untertanen weitergegeben hat, und den einen oder anderen durchlavierenden Unterschackl, der möglichst unsichtbar bleiben will, um allzu anstrengender Arbeit zu entgehen. Es gibt auch ein paar „Pfosten“, so statisch wie ihr Name und – den Ferialpraktikanten, nämlich mich. Eigentlich bin ich ja eine Praktikantin gewesen, aber das hat damals, halleluja, noch keinen interessiert.
So ein Ferialpraktikant ist ein armer Hund. Und damit er nicht ganz so arm ist, und um seine Existenz und die Existenz der Kanzlei im Allgemeinen zu rechtfertigen, hat man ihm das ganze Jahr über Arbeit liegenlassen, die sonst keiner tun hat wollen. Vor allem die Ablagen waren ungemein zwider. Die aufgebauten Aktenstapel haben sich bedrohlich geneigt, und abzulegen gewesen ist prinzipiell im obersten Regal im dicksten Ordner, der schon beim Hinschauen zerrissen ist. Wenn dann der Aktenberg ins Wanken geraten ist, hat sich sogar der Herr Kanzleileiter aufzustehen bequemt, unangenehme Sache, da er sein tägliches Telefonat mit der Erbtante unterbrechen hat müssen. Sonst aber ist er ein feiner Kerl gewesen, durch und durch ehrlich, und so hat er seine privaten Telefonsitzungen, auch die ins Ausland – damals hat‘s noch keine gesperrten Apparate gegeben – brav als Überstunden notiert. In überschaubarem Ausmaß versteht sich, man will ja nicht unverschämt sein, aber irgendwie will auf den gebrauchten Mercedes gespart, der bescheidene Familienausflug finanziert werden. Er war auch praktisch veranlagt und hat seine Kompetenzen gerne weitergegeben, und so hat er mir gezeigt, wie man die Zeitung geschickt in einem Akt verbirgt, um den arbeitenden Eindruck angesichts plötzlich eintretender Referenten, oder sogar des gefürchteten Sektionschefs, nicht zu gefährden. Der „Cheeef“ wird übrigens mit ganz langem E gesprochen, nicht die amerikanisierte Unform „Chäf“.
Noch origineller als die Kanzleibewohner ist allerdings eine spätjüngferliche Referentin gewesen, deren Existenz mir erst nach einigen Wochen harter Kanzleiarbeitsvermeidung aufgefallen ist. Die ist in ihrem Kämmerlein gehockt und hat, ja was hat sie denn nun gemacht, so genau hat das keiner sagen können, man hätte schon in den Annalen nachblättern müssen, die mündliche Überlieferung zur Klärung hat zu wenig weit in die Zeit zurückgereicht. Und so hat sie eines Tages vom Abteilungsleiter, der sich ab und an einen kleinen Schmäh erlaubt hat, einen Akt zur Bearbeitung zugespielt bekommen. Es war die Anfrage eines braven Bürgers um Informationen über den Feldhasen. So ein Feldhase ist ein netter Zeitgenosse. Solange er im Feld bleibt, im friedlichen, und sich nicht in eine Aktenanfrage drängt, die das Fräulein – darf man heute noch Fräulein sagen? – bedrängt. So ist sie dann in ziemlich aufgelöstem Zustand in der Kanzlei erschienen, hat kollektives Rascheln der Zeitungen in den Aktendeckeln ausgelöst und verzweifelt nach analogem Informationsmaterial – Internet hat‘s noch nicht gegeben, und mit einem Computer hat man maximal Tennis mit zwei Balken und einem Tupfen gespielt – gesucht. Der Herr Kanzleileiter hat dann mitleidigerweise, auf Überstunden versteht sich, ein altes Lexikon aufgetrieben. Zu behaupten, es wäre noch in Fraktur gedruckt gewesen, wage ich in der Nachschau nicht. Auf jeden Fall, das kann man getrost ins Feld führen, ist ein klassisches Elaborat über den gemeinen Feldhasen entstanden, spätere Vorlagen für den Sachunterricht können durchaus darauf zurückzuführen sein.
Die Kanzlei ist dann später aufgelöst worden. Wegen zu geringer Auslastung. Zu wenig Arbeit für zu viele Kanzleien. Der Herr Kanzleileiter ist abkommandiert worden ins Vorzimmer des Sektionschefs, was zwar theoretisch keine Degradierung, aber praktisch eine hochgradige Verschlechterung seines beschaulichen Beamtendaseins nach sich gezogen hat. Nix war mehr mit Zeitungsakten, es hat, wenn überhaupt, nur mehr echte Überstunden gegeben und keine Aussicht auf einen Mercedes mehr, weil ihn die Erbtant auf Telefongesprächsentzug enterbt hat.
Heute sitzen in den Kanzleien gsackelte Herren oder überschminkte Damen, die rührigen Fräulein sind irgendwelchen Befreiungsbewegungen zum Opfer gefallen. Das weiße Manterl hängt im alten Schrank, in dessen hinterstem Eck ein vergessenes Buch lehnt, ein Buch über den Feldhasen, in Fraktur, ein Schatz für den analogen Menschen, denn er kann ihn deuten, Papiermist für den digitalen Menschen, der ihn nicht mehr lesen kann.
Es bleibt die wehmütige Erinnerung, an den Herrn Kanzleileiter, das Original, an das ältliche Fräulein, die Verkörperung eines eben nicht verkörperten Jugendtraumes von Ehestand und Mutterschaft, und an den gemeinen Feldhasen, der die Beschaulichkeit des Beamtenalltages aufgestört hat.
[CC]

Am Ruf des Beamtenstandes wurde in den vergangenen dreißig Jahren fest gekratzt. An einer einst staatstragenden Schicht, welche ein besonderes Loyalitätsverhältnis mit dem Souverän – das sind in einer Demokratie Sie und ich, falls Sie das vielleicht vergessen haben – verband, am Staats-diener, welcher in mönchischer Bescheidenheit – die Keuschheit kam bei dem notorisch geringen Salär dann ganz von selbst – seinen Dienst an der Allgemeinheit verrichtete, wurde kein gutes Haar gelassen. So erfolgreich ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Redlichkeit, Arbeitsamkeit und schließlich Notwendigkeit der rationalen Bürokratie, von der Max Weber einst sagte, dass sie die einzige legitime Institution sei, die einen modernen Staat verwalten kann, untergraben worden, dass die Angehörigen dieses geschmähten Standes heute verschämt ihren Dienstherren verleugnen und beinahe schon froh sind, wenn die Abteilung, in der sie arbeiten, ausgegliedert wird, um mit dem halben Personal die doppelten Aufgaben zu bewältigen – nur jetzt in der besser beleumdeten Privatwirtschaft.
Mit der Verleumdung ist der Zynismus eingekehrt, in die Kanzleien und Amtsstuben, die – in managementgeschultem Neusprech heute natürlich anders heißen: „Dienstleistungszentrum“ oder „Agentur“. Ganz so, als würde kein hoheitlicher Akt vollzogen, sondern eine beliebige Dienstleistung verkauft – wie Haareschneiden, und als würden Menschen, die die Industrie 4.0 wegrationalisiert hat, nicht die solidarische Unterstützung der Gesellschaft in Anspruch nehmen, wenn sie sich verschämt ihre Arbeitslose abholen, sondern wie Rockstars ihren Agenten aufsuchen, der ihnen den nächsten Gig checkt. Wie aus Kindern, denen ihre Eltern dauernd vorhalten, wie nutz- und hoffnungslos sie sind, Jugendliche werden, die irgendwann beschließen, dass sie dann genau so gut die Rowdies, Vandalen und Punks sein können, für die alle sie ohnehin schon halten, hat die Motivation des Beamtenstandes nach außen hin den Tiefpunkt erreicht. Keine Berufsgruppe zieht so gerne und so brutal über sich selbst her, wie die Staatsdiener. Doch tatsächlich haben sie in der Verachtung, mit der sie miteinander über sich selbst sprechen, den letzten Rest ihres Stolzes bewahrt. In den gegenseitigen nur halb scherzhaften Bestätigungen ihrer Faulheit, Ineffektivität und Nutzlosigkeit sprechen sich Ausgestoßene trotzig Mut zu.
Denn trotzdem machen sie weiter. Hinter den PR-tauglich aufgehübschten Fassaden derselben zugigen Betonburgen aus den Hochzeiten des Sozialstaates sitzen, zumindest zum Teil, noch dieselben Seelen, die einst ein besonderer Ethos antrieb. Von ihren bescheidenen Privilegien ist nichts geblieben. Ihre kleinen Hinterziehungen hat man ihnen abgestellt. Ihre „überflüssigen“ Kollegen wegrationalisiert. Doch die, die bleiben durften, schmieden, wenn ihnen keiner zusieht, in den Überstunden, die nicht aufgezeichnet werden, in Telefonaten, die in keinem ISO-geprüften Verfahrenshandbuch stehen, in kurzen Gesprächen in den heimlichen Rauchpausen in den illegalen Raucherecken, die es in einem öffentlichen Gebäude gar nicht mehr geben dürfte, die Tixobänder und Gummiringerl, die das ausgehölte Gebäude unseres Staatsapparats noch zusammenhalten. Die lange Übung in Mauschelei zahlt sich nun aus, wenn es darum geht, das System gegen seine verordnete Selbstzerstörung zu verteidigen.
Der britische Soziologe Colin Crouch hat in seinem Buch „Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht.“ anschaulich gezeigt, wie durch gezielte Propaganda das Vertrauen in staatliche Institutionen und das Expertentum der Beamten – Expertentum überhaupt – untergraben wurde. Die Diskreditierung gerade jener Leute, die die essentiellen Leistungen erbringen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten – Beamte, Lehrer, Ärzte, Polizisten – war Teil eines mehr oder weniger subtilen, am Ende aber äußerst effektiven Feldzuges, der ein Ziel hatte: Die gewaltigen „Märkte“, die in der Bereitstellung von öffentlichen Gütern wie Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Sicherheit in den entwickelten Industrienationen durch staatliche Monopole vom Zugriff des Kapitals abgeschirmt waren, den raffgierigen Händen der Investoren zu öffnen. Seine Beschreibung der aus dieser Entwicklung resultierenden Zustände liest sich als eine haarsträubende Aneinanderreihung von Fallbeispielen von Ineffektivität, Augenauswischerei und himmelschreiender Dummheit, gegen die die kleinen Mauscheleien und diskreten Veruntreuungen der Kanzlei berückend amateurhaft wirken.
Wie offensichtlich dumm die ganze Idee ist, öffentliche Güter „marktkonform“ machen zu wollen, zeigt sich allein schon daran, dass unter der Herrschaft der Privatisierer erst künstliche Produkte geschaffen werden mussten – wie Abschlussquoten für Hochschulen, Bildungsstandards für Schulen und Aufklärungsquoten für die Polizei – um etwas zum Zählen zu haben, gegen das man den Preis, den ohnehin weiterhin die Allgemeinheit – also Sie und ich – bezahlen, aufrechnen konnte. Seitdem verkauft man uns, dass eine Universität besonders effektiv ist, wenn sie pro Jahr besonders viele Studierende – auf Teufel komm raus – mit Abschlüssen versieht und eine Schule besonders gut, wenn ihre Schüler möglichst erfolgreich bei der Absolvierung standardisierter Tests sind. Nun gut, kann man sagen, was stört es mich, wenn halbgare Bachelor auf den Arbeitsmarkt entlassen werden und die Kinder zwar nicht rechnen, aber dafür perfekt die Antworten auf ein paar standardisierte Beispiele reproduzieren können?
Vielleicht wird Ihnen ja auch erst dann gruselig zumute, wenn der Polizeibeamte auf der Wache Ihnen ausreden will, dass Sie ein Sittlichkeitsverbrechen anzeigen. Seien Sie ihm nicht böse. Er hat gute Gründe: Sexualdelikte haben eine sehr schlechte Aufklärungsquote und erfordern viel Zeit und mühsame Polizeiarbeit. Da die Zuteilung von Mitteln an seine Dienststelle aber von der Aufklärungsquote abhängt, ist es für ihn und seine KollegInnen viel schlauer, ihre beschränkte Zeit auf die Festnahme von ganz vielen Ladendieben und Graffitischmierern zu verwenden. Ärzte vermeiden aus denselben Gründen wenig chancenreiche aber potentiell lebensrettende Operationen und machen lieber viele triviale aber sichere Eingriffe. Das ist der Preis, den wir für unsere verschlankte, kostengünstige und durch und durch kennzahlenkonforme Bürokratie bezahlen. Aber wenigstens verschwendet niemand mehr Steuergelder, um unnötige Berichte über Feldhasen zu schreiben. Das können wir uns heutzutage wirklich nicht leisten!
Und dann, wenn Sie meinen, dass die Lichter schon lange ausgegangen sind, in den Gerichten, Amtshäusern, Spitälern, Polizeiwachen, Schulen und Kasernen, stellt irgendwo so ein fauler, ineffektiver und nichtsnutziger Mensch sein Kaffeehäferl hin und nimmt den nächsten Akt vom Berg, den früher fünf Referenten bearbeitet haben, korrigiert irgendeine Lehrerin, nachdem sie ihr eigenes Kind ins Bett gesteckt hat, noch einen Stapel Schularbeiten, macht irgendein Chirurg noch eine OP, obwohl er eigentlich gar nicht mehr da sein dürfte und schiebt irgendeine eine Frau Inspektor noch eine Schicht, weil der Kollege krank ist und die Wache unterbesetzt. Weil und nur weil es, bei allem Unterschleif, irritierender Langsamkeit und scheinbarer Redundanz, einmal auch so etwas gab, wie einen Beamtenethos, und noch nicht alle „in Ruhe“ und gestorben sind, die sich noch an die Kanzlei erinnern können und ein paar Junge nachgekommen sind, die auch noch daran glauben, dass der Staat dem Bürger nicht etwas verkauft, sondern ihm dient.
[IS]